Reisebericht 20 vom 11.01.07 – 06.02.07: Komm und sei mein Gast - Im Norden Kolumbiens


Route: Cartagena – Totumo – Santa Marta – Taganga – Aguachica – Chicamocha Cañon – San Gil – Curití – Barichara – Villa de Leyva – Tunja – Laguna de Tota – Zipaquirá – El Peñol – Medellin


Endlich ist es soweit: Am 11. Januar 2007 betreten wir südamerikanischen Boden. Allerdings in genau jenem Land, in das wir nie auch nur einen Fuß hatten setzen wollen. Kolumbien – wer denkt danicht zuerst an Drogenkartelle und Guerilla-Kämpfe? Mit 45 Entführungen pro Monat lädt dieses Land nicht wirklich zum längeren Verweilen ein. Da wir an der Karibikküste landen, müssen wir Kolumbien einmal komplett von Nord nach Süd durchqueren. Aus Sicherheitsgründen wollen wir gemeinsam mit Liz und Colin im Konvoi fahren. Zwei Wochen, so hatten wir  ausgerechnet, müssten reichen um nach Ecuador zu gelangen. Doch wie so oft im Leben sollte alles ganz anders kommen.

 

Die Einreise nach Kolumbien – per Flugzeug und ohne Landy, denn der ist noch auf hoher See unterwegs – ist völlig entspannt. Stempel in den Pass, fertig. Wir quartieren uns in ein kleines aber feines Hotel in Cartagena ein – nicht gerade im besten Viertel, aber gemütlich und in Reichweite der Sehenswürdigkeiten. Und dann die Überraschung: Im Laden an der Ecke gibt es Mineralwasser mit Kohlensäure. Und in der Kneipe nebenan mixt man Caipiriñas. Kolumbien beginnt, uns zu gefallen.

 

Wir haben drei Tage Zeit, bevor wir unser Auto abholen können, um Cartagena zu erkunden. Die Altstadt ist Weltkulturerbe und eine Kolonialstadt wie aus dem Bilderbuch. Bunte Häuserfassaden, gedrechselte Balkongeländer, Eingangsportale aus massivem Holz mit schmiedeeisernen Türknaufen. Die Kirchtürme sehen aus wie Torten mit Zuckerguss dekoriert. In den kopfsteingepflasterten Gassen und auf den Plazas herrscht geschäftiges Treiben. Straßenverkäufer schenken aus bunten Thermoskannen süßen Kaffee in winzigen Bechern aus. Tinto, nennt man den kleinen schwarzen hierzulande. Kolumbien ist endlich mal ein Kaffeeland, in dem Kaffee nicht nur angebaut, sondern auch konsumiert wird. Unsere kleine Reisegruppe, die sich nach wie vor aus den Schweizern Doris und René, den Engländern Liz und Colin, sowie Tobias und mir zusammensetzt, beschließt nach langen Diskussionen – der arme Stier usw. – am Sonntag Nachmittag in die Stierkampfarena zu fahren, in der Hoffnung, dass dem Stier nichts Böses widerfährt. Während unsere Plätze in der Arena einnehmen und noch darüber sinnieren, was denn nun wohl wirklich mit dem Stier passieren wird, bemerken wir, dass die Hälfte der Zuschauer in den Rängen deutlich jünger ist als wir. Und dann kommen auch schon Superman und Spiderman in die Manege gestürmt und ringen mit Babystieren, die kaum größer sind als ein anständiger Hund. Wir sind in einer Kinder-Show gelandet. Eine Weile verfolgen wir amüsiert, wie die Comic-Helden mit den Zuckerwatte- und Eisverkäufern um die Gunst ihres jungen Publikums wetteifern, dann gehen wir zurück ins reale Leben.

 

Montag Vormittag ist es Zeit, unsere Autos aus dem Hafen zu holen. Das Prozedere ist ermüdend, manchmal auch unterhaltsam und am Ende doch nicht ganz so schlimm wie wir es uns vorgestellt hatten. Für alle, die es interessiert, hier die Details:

 

8 Uhr 45: Colin, Liz, Tobias und ich betreten das Büro von Marfret, um die Bill of Lading abzuholen, jenes Dokument, mit dem wir unsere Fahrzeuge aus dem Hafen holen können. Während die Dame von Marfret mit Barwil in Panama telefoniert, um sich das Aushändigen der Bill of Lading genehmigen zu lassen, bezahlen wir schon mal die Gebühren für die Bereitstellung des Containers und das Entzurren der Fahrzeuge. 160 US-Dollar für den Container. Je 35 US-Dollar fürs Auto.

 

9 Uhr 30: Man bietet uns Kaffee an. Dauert wohl doch länger. Wir warten.

 

10 Uhr: Angeblich hat Barwil die Seefrachtgebühren nicht an Marfret überwiesen. Marfret weigert sich, die Fracht freizugeben und schlägt uns vor, selbst mit Barwil zu telefonieren. Allerdings müssen wir dazu unser deutsches (!) Handy benutzen. Barwil verspricht, das Missverständnis umgehend aufzuklären.

 

11 Uhr 12: Alles geklärt. Die Bill of Lading kann gedruckt werden. Wir warten.

 

11 Uhr 23: Wir halten die Bill of Lading in Händen. Nun brauchen wir noch einen Agenten, der uns durch den Auslöseprozess schleust. Nein, sagt Marfret, wir bräuchten keinen Agenten, wäre doch alles ganz einfach. Also marschieren wir ohne Agent zum Zollgebäude, das nur fünf Gehminuten entfernt liegt.

 

11 Uhr 30: In der Zollbehörde, im Büro Nummer 19, will man Kopien folgender Dokumente: Bill of Lading, Fahrzeugschein, Reisepass des Fahrzeughalters inklusive der Seite mit dem Einreisestempel. Wir füllen das Formular zur zeitweiligen Fahrzeugeinfuhr (Importación Temporal de Vehiculo para Turista) aus. Die handschriftlichen Angaben im Formular werden abgetippt und ausgedruckt. Wir warten.

 

12 Uhr 20: Alle Tippfehler sind beseitigt. Wir bekommen die Dokumente ausgehändigt. Dann ist Mittagspause. Vor 14 Uhr geht gar nichts mehr. Wir gehen in die Zollkantine und essen sehr lecker für wenig Geld.

 

14 Uhr 15: Wir erhalten am Eingang zum Hafen, der etwa zehn Gehminuten vom Zoll entfernt liegt, unsere Besucherausweise.

 

14 Uhr 30: Im Büro „Servicio al cliente“ treffen wir auf den Angestellten Eric Francisco, der sich von diesem Moment an um unsere Angelegenheit kümmert – und damit für den Rest des Tages vollauf beschäftigt sein wird. Während wir Formulare ausfüllen, die uns als rechtmäßige Eigentümer der Fahrzeuge ausweisen sollen, verschwindet Eric mit Kopien der Bill of Lading, der Pässe, der Zolldokumente und der Marfret-Quittung und lässt schon mal den Container bereitstellen.

 

16 Uhr 30: Wir begeben uns zur Entlade-Zone, dem Warehouse No. 1. Am Gate will man nur die beiden Fahrzeughalter durchlassen, also Colin und mich. Ich greife zu einer Notlüge und erzähle, dass das Fahrzeug zwar mir gehört, ich aber gar nicht fahren könne. Es wirkt. Alle vier dürfen rein.

 

17 Uhr: Wir stehen vor dem Container. Er darf nur im Beisein eines Zollbeamten geöffnet werden. Wir warten.

 

17 Uhr 30: Der Container ist offen. Die Inspektorin vom Zoll prüft die Papiere. Die Autos werden entzurrt. Wir warten.

 

18 Uhr 18: Die Autos sind draußen. Die Inspektorin vom Zoll prüft die Fahrzeuge. Von außen. Danach verschwindet sie, um die Papiere unterschreiben zu lassen. Von wem auch immer. Wir warten.

 

18 Uhr 34: Tobias und Colin gehen zurück zum „Servicio al cliente“, um schon mal die Hafengebühr von 60 US-Dollar zu bezahlen. Liz und ich warten.

 

18 Uhr 42: Die Inspektorin kommt mit den unterschriebenen Papieren zurück. Auch Tobias und Colin flitzen um die Ecke. Die Zolldokumente müssen vor 19 Uhr im Büro des „Servicio al cliente“ sein, da dann der Hafen schließt. Wir brauchen noch die offizielle und schriftliche Erlaubnis zur Ausfahrt aus dem Hafen. Colin und ich rennen los. Tobias und Liz warten.

 

19 Uhr 02: Wir drücken Eric Francisco die Papiere in die Hand – und warten.

 

19 Uhr 50: Wir bekommen die Erlaubnis zur Ausfahrt ausgehändigt.

 

19 Uhr 58: Wir zeigen die Erlaubnis zur Ausfahrt in der Entladezone. Ein Angestellter nimmt die Papiere an sich. „Nur noch ein kleiner Stempel“, sagt er, während er durch die Tür entschwindet. Colin lässt sich mit einem Aufschrei des Entsetzens in den Stuhl fallen. Wir warten.

 

20 Uhr 15: Der Angestellte kommt ohne Stempel, dafür mit neuen Papieren zurück, die wir mit Fingerabdrücken abzeichnen müssen. Vielleicht glaubt man, wir hätten über die Warterei unsere Namen vergessen …

 

20 Uhr 30: Wir überqueren die Schwelle nach draußen. Mit Landy und Camper.

 

21 Uhr: Wir treffen Doris und René auf einem Parkplatz in Bocagrande. Auch sie haben ihren Camper wieder. Wir stoßen auf unseren Erfolg an: Geschafft – in „nur“ 12 Stunden. Am folgenden Morgen schließen wir bei „La Previsa“ eine Autoversicherung für 30 Tage ab. 10 Tage Puffer – für alle Fälle. Man weiß ja nie. Und dann rollt die Karawane wieder - zunächst an der Karibikküste entlang. Doris und René wollen weiter nach Venezuela. Colin, Liz und wir begleiten sie ein Stück, bevor wir dann bei Santa Marta nach Süden abbiegen.

 

Als Helmut uns anspricht, haben wir unser Bad im Schlamm-Vulkan Totumo, der nur ca. 50 km außerhalb von Cartagena an der Straße nach Santa Marta liegt, bereits hinter uns. Nur noch ein paar eingetrocknete Reste der zähen braunen Masse auf Gesicht und Armen zeugen von der Schlammschlacht. Helmut stört das nicht. Er macht mit seiner Familie ganz in der Nähe Urlaub und lädt uns ein. Seine Kinder sind neugierig auf unsere Reisestorys und er hat deutsche Wurzeln. Zwei Argumente, denen wir uns nicht verwehren können. Wenig später parken zwei Camper und ein Landy auf dem gepflegten Rasen der exklusiven Ferienanlage direkt am Meer, während wir selbst bei Helmut und Familie auf der Veranda sitzen, Rum trinken, Nudeln essen, Anekdoten erzählen und viel lachen. Als wir uns am nächsten Morgen verabschieden, müssen wir Helmut und seinem Schwager Felipe versprechen, sie in Medellin zu besuchen.

 

Die Straße von Santa Marta nach Bogota führt zunächst am Fuß der Ostkordillere entlang. Im Tiefland hat die Trockenzeit bereits begonnen. Die Weideflächen links und rechts des Weges sehen braun und verdörrt aus. Wir kommen zügig voran und stoppen nur, um an einem der in Kolumbien so zahlreich vorhandenen Kassenhäuschen Maut zu bezahlen. Das Militäraufgebot entlang der Straße ist erstaunlich. Wir hatten Militär erwartet – aber nicht in dieser Menge. Alle paar Meter steht ein Soldat, alle paar Kilometer ist ein Posten. Immer wieder kommen uns Militärfahrzeuge entgegen. Plakate am Straßenrand weisen darauf hin, dass die Militärpräsenz verstärkt worden ist. Um für Sicherheit auf den Straßen zu sorgen.

 

Allmählich steigt die Straße an und windet sich in Serpentinen hinauf auf 1.500 Meter. Wir besuchen das pittoreske Städtchen Girón und fühlen uns sofort in die Kolonialzeit zurückversetzt. Gewundene Kopfsteinpflastergassen schlängeln sich durch weiße Häuserreihen. Die braunen Dächer und Ballustraden können das gleißende Mittagslicht nicht wirklich dämpfen. Genau so haben wir uns eine kolumbianische Kleinstadt immer vorgestellt.

Die Straße nach Süden führt am Chichamocha-Canyon entlang und bietet ein faszinierendes Panorama. Am Chichamocha-Nationalpark, einem neu gebauten Freizeitpark für die ganze Familie, fragen wir, ob wir auf dem Parkplatz übernachten dürfen. Wir dürfen und genießen einen tollen Sonnenuntergang auf der Aussichtsplattform. Die Besucher, die zu ihren Autos oder zum Bus zurückkehren, begutachten neugierig unsere Autos. Immer wieder werden wir angesprochen. Die Menschen hier freuen sich, dass Touristen ihr Land besuchen, das merkt man sofort.

 

In San Gil, einer trubeligen Stadt, erkundigen wir uns zuerst nach Rafting-Touren und Camping-Möglichkeiten. Dabei stellen wir fest, dass Camping in Kolumbien sehr populär ist. Vor allem an den Wochenenden. Dann wird die gesamte Familie eingepackt, inklusive der Geschwister, Tanten, Onkels usw. Man fährt an einen Fluss oder an einen See zum Baden, stellt die Zelte auf, schürt den Grill an und trinkt Bier. Unmengen an Bier. Als wir am Balneario Pescaderito, einem Badeplatz am Fluss, in der Nähe von San Gil auftauchen, wird der Landy sofort umzingelt. Während Liz und ich den Platz nach Übernachtungsplätzen absuchen, wird Tobias mit Fragen bombardiert und von zwei Brüdern nebst Familie auch gleich zum Essen eingeladen. Doch vorher müssen wir noch Colin abholen. Er steht seit dem frühen Morgen mit seinem Camper in der Werkstatt und lässt seine eingedrückte Leiter reparieren. Als wir zu viert wieder zum Balneario zurückkehren, werden wir wie selbstverständlich in den Kreis der Familie aufgenommen. Fernando und Reinaldo, unsere Gastgeber, achten streng darauf, dass wir immer etwas zu trinken haben. Ihre Frauen zaubern ein fantastisches Essen auf die Picknickdecke: Es gibt gegrilltes Rindfleisch, Leber, Kartoffeln, Yucca, Maiskolben und Guacamole. Als die Unterhaltung politisch wird, packt Fernando zur Feier des Tages sogar eine Flasche deutschen Apfelwein aus. Bevor die Familie abends ihre Zelte abbricht, werden noch etliche Erinnerungsfotos geschossen und wir versprechen, in den nächsten Tagen noch einmal in den Läden der Brüder vorbeizuschauen. Nichts leichter als das. Die beiden handeln mit Autoersatzteilen.

 

Doch der folgende Tag gehört erst einmal dem Abenteuer. Wir gehen raften auf dem Rio Suarez, Klasse 4+. Obwohl der Fluss bei weitem nicht so anspruchsvoll ist wie der Reventazón in Costa Rica, habe ich dieses Mal Schwierigkeiten, mich im Boot zu halten. Ich sitze ganz hinten neben dem Guide, dort, wo es am meisten schaukelt. Wir passieren etwa ein Dutzend Stromschnellen, wovon etwa vier wirklich Klasse 4+ sind. Der Rest ist ziemlich unspektakulär. Darüber kann auch die „Hormiga culona“, die geröstete Ameise, die es als Snack zwischendurch gibt, nicht hinwegtäuschen.

 

Wir besuchen Barichara und Guane und fahren weiter nach Villa de Leyva. Die Straße führt durch enge Täler. Doch plötzlich, hinter Arcabuco, ändert sich die Landschaft. Weit auslaufende, flache Bergrücken, breite, helle Täler. Die Temperaturen sinken. Wir klettern bis auf 2600 Meter hinauf. Villa de Leyva liegt etwas tiefer, auf 2200 Metern Höhe und ist ein beliebtes Wochenend-Ausflugsziel der Kolumbianer aus den umliegenden Städten. Das Herzstück Villa de Leyvas ist die quadratische, gepflasterte und baumlose Plaza mit dem maurischen Brunnen in der Mitte, die wie eine Filmkulisse wirkt. Und tatsächlich wird gerade ein Film gedreht, als wir ankommen. Als wir schon fragen wollen, ob sie noch Statisten brauchen, bauen sie allerdings schon wieder ab. Wieder nichts mit unserer Filmkarriere. Wir finden einen wunderschönen und ruhigen Campingplatz außerhalb der Stadt, mit heißen Duschen und Stromanschluss, und verbringen dort zwei Nächte ganz allein.

 

Weiter geht’s auf den Wochenmarkt von Tunja, der alles andere als touristisch ist. Kein einziger Souvenirstand – zum Glück. Dafür jede Menge Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch, Klamotten und Haushaltswaren. Wir decken uns mit Lebensmitteln ein und fahren weiter über Sogamosa an die Laguna de Tota. Links und rechts des Weges erstrecken sich Zwiebelfelder soweit das Auge reicht.

 

Bevor wir Richtung Bogota weiterfahren, machen wir noch einmal Halt in Villa de Leyva. Wir staunen nicht schlecht, als wir den Campingplatz ansteuern. Auf einmal steht hier Zelt an Zelt. Des Rätsels Lösung: Es ist wieder einmal Wochenende.

 

Nächster Stopp ist die Salzkathedrale in Zipaquirá, 30 km von Bogota entfernt. In die Stollen eines Salzbergwerks wurde eine riesige Kathedrale hinein gebaut. Fünf Jahre hat man dafür gebraucht und 250.000 Tonnen Salz wurden dabei verarbeitet. Nun kann man durch die unterirdischen Kreuzgänge schlendern, die mit roten und blauen Leuchten ins rechte Licht gerückt werden. Schaurig schön und sehr beeindruckend. Nach unserem Rundgang durch die Salzkathedrale stellt sich wieder einmal die Frage: Wo übernachten? Nach Bogota wollen wir nicht fahren. In Städten ist es meist schwierig, einen geeigneten Stellplatz zu finden. Santiago, ein Kolumbianer, der vor Jahren mit seinem Landrover durch Südamerika gereist ist, und den wir übers Internet kennen gelernt haben, hat uns zwar zu sich eingeladen, ist aber gerade in den USA. Zu dumm. Also fragen wir kurzerhand wieder, ob wir auf dem Parkplatz übernachten dürfen. Wir dürfen. Die Wachmänner weisen uns einen Platz zu, so dass sie uns im Blick haben und auf uns aufpassen können. Während wir es uns gemütlich machen, betrachtet ein Junge vom Souvenirstand nebenan scheu unsere Fahrzeuge. Etwas später schickt ihn seine Mutter mit einem Geschenk zu uns: Engelsfiguren aus Salzkristallen – für eine gute Reise. Wir revanchieren uns mit deutscher Schokolade.

 

Das Thermometer zeigt 5 Grad über Null, als wir die Fahrt über die Berge in Richtung Medellin antreten. Bogota liegt immerhin 2600 Meter hoch. Doch die Gänsehaut verschwindet schnell, denn die nächsten Kilometer geht es stetig bergab ins Tal des Rio Magdalena, hinunter bis auf 200 Meter. 38 Grad. Dann geht es wieder bergauf in die Stadt des ewigen Frühlings. Medellin liegt auf 1500 Meter und hat das ganze Jahr über ein gemäßigtes Klima. Die Fahrt ist nervenaufreibend. Immer wieder kommen uns in den engen Kurven LKWs entgegen, die gerade einen anderen LKW überholen. Manchmal kommt auch noch von hinten ein Auto, das uns überholt. Mehr als einmal muss Tobias unseren Landy abrupt zum Stehen bringen. Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass am Ende doch immer alle irgendwie aneinander vorbei kommen.

 

Spontan und ungeplant unterbrechen wir unsere Fahrt nach Medellin, um den Piedra el Peñol, einen 200 Meter hohen Monolithen, zu besteigen. 679 Stufen führen angeblich nach oben, doch wir zählen nicht nach. Wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, die fantastische Aussicht zu genießen.

 

Auf dem Parkplatz der Privatuniversität EAFIT in Medellin treffen wir uns mit Helmut. Zwei Stunden hat er Zeit, danach muss er wieder in ein Meeting, sagt er. Trotzdem fahren wir erst einmal zu Gloria, seiner Frau, holen dort das Auto, fahren dann in die Berge und gehen gemütlich Mittagessen. Dreieinhalb Stunden später macht Helmut sich auf den Weg zurück in die Stadt. Wir dürfen auf seinem Grundstück außerhalb Medellins in den Bergen übernachten. Der Grundriss fürs neue Haus ist schon abgesteckt. Wir parken, wie es sich gehört, vor der „Eingangstür“ und stellen unsere Campingstühle ins „Wohnzimmer“. Colin, der Konstrukteur, kann’s nicht lassen und plant das Haus um – allerdings nur auf dem Papier. Hier eine Mauer weg. Dort ein großes Fenster. Die Garage ein Stück nach hinten. Als abends die Kälte den Hang hoch kriecht, beschließen wir, in Helmuts neuem Heim schon mal eine kleine Einweihungsfeier zu feiern. Bei Lagerfeuer und Rum diskutieren wir über zukünftige Reisen in ferne Länder, über Autos und über Geschäftsideen für die Zukunft. Ob es am Rum liegt, dass wir zu keinem vernünftigen Business-Plan kommen?

 

Am nächsten Morgen will Helmut uns früh um 9 Uhr abholen und uns die Dörfer in der Umgebung zeigen. Um 11 Uhr steht er mit zerknirschtem Gesicht vor uns. Er hat nur drei Stunden Zeit. Wir fahren gemeinsam nach El Retiro, einem verschlafenen kleinen Ort. Dort besuchen wir Gustavo, einen Freund und ehemaligen Professor von Helmut. Gustavo wohnt in einem 200 Jahre alten Haus mit dicken, noch von Hand gestampften Lehmmauern. Vor wenigen Tagen hat er sich jedoch schweren Herzens von dem Familienbesitz getrennt. Er will ein Haus nach seinen eigenen Vorstellungen bauen. Ein Haus, in dem es warm ist am Abend und in dem es ein Musikzimmer gibt. Musik ist Gustavos Leidenschaft. Vor kurzem hat er angefangen Saxophon zu spielen. Als Helmut zum Aufbruch mahnt, beschließen wir spontan, Gustavo noch ein bisschen Gesellschaft zu leisten. In der Zwischenzeit sind noch mehr Gäste gekommen. Gemeinsam mit Mariel-Carmen und Claudia gehen wir zum Mittagessen in den Ort – in ein kleines, malerisches Restaurant mit hübschem Patio und leckerem Essen. Es gibt Suppe aus Kochbananen, Empanadas aus süßem Mais, Salat mit Koriander, Eintopf mit Kartoffeln, Fleisch, Kapern, Avocado, Reis und Bohnen, Arepas mit Käse und Eiern. Dazu Sangria. Der Zufall will es, dass heute Samstag ist. Der erste Samstag im Monat. An diesem Abend findet auf der Plaza in El Retiro ein Konzert statt. Gespielt wird typische Tanzmusik, Salsa, Rumbo, Tango. Und schon bald schwingen die ersten Pärchen auf der Plaza das Tanzbein. Auch wir wippen ein bisschen mit den Zehen …

 

Sonntag ist Fußballtag. Medellin gegen Pasto. Es ist das Saison-Auftaktsspiel. Das können wir uns nicht entgehen lassen. Gemeinsam mit Estefan und Veronica, den beiden Kindern von Felipe, machen wir uns auf den Weg ins Stadion. Bereits nach 10 Sekunden passiert das erste Foul. Kurz darauf fällt das erste Tor. Ein Elfmeter. Die akrobatische Leistung der Spieler ist eindeutig besser als die spielerische. Aber die Fans sind ein echter Augen- und Ohrenschmaus. Ohne Unterbrechung singen, trommeln und tanzen sie zwei Stunden lang. Am Ende gewinnt Medellin 2:1 – und alle gehen friedlich nach Hause. Auch wir treten den Heimweg an und gehen früh ins Bett, um am nächsten Tag fit zu sein. Wir sollen nämlich an der EAFIT einen Vortrag über unsere Reise halten. Wir glauben erst gar nicht daran, dass das die Studenten interessiert, sehen dann jedoch mit Staunen, wie sich der Vorlesungssaal füllt. Zwei Stunden diskutieren wir mit den Studenten über kulturelle Unterschiede, über Sicherheit, Preisgefüge, Industrialisierung und Tourismus – und stellen fest, dass zwei Stunden bei weitem nicht ausreichen, um alle unsere bisherigen Eindrücke zu schildern. Helmut sitzt in der ersten Reihe und nickt zufrieden. Abends gehen wir mit Helmut und Felipe noch einmal Essen, bevor wir Medellin am nächsten Morgen verlassen. Vielen Dank, Helmut und Felipe, für eure Gastfreundschaft und die großartige Zeit in Medellin und an der Karibikküste!

 

Und wie geht’s weiter? Mit einem nicht funktionierendem Geldautomaten, einem kaputten Reifen und einem Umweg von 1000 Kilometern.


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